Im Land der Amazonen
Es gibt sieben Amazonenstämme. Jedes Jahr zum Ende des Winters strömen sie im Scharlachwald zusammen und ziehen von dort aus in alle Himmelsrichtungen. Alles, was ihnen auf ihrem Wege begegnet Berge und Seen, Wälder und Flüsse sowie alle Lebewesen zu Lande, im Wasser und in der Luft – versehen sie mit Namen. Ihr Gesang ist so bewegend, dass dort wo sie vorüberziehen. das Land erwacht.
Euphonos überquerte den Fluss am Fusse der Pappeln. Der Zufall wollte es, dass er nach einer langen ziellosen Reise schließlich in dieser staubtrockenen Landschaft landete. Langsam wankte er voran, sein Reiseumhang drückte ihn wie eine schwere Last nieder. An seiner Seite baumelte ein Sack aus Leder, darin er seine Laute trug. Euphonos war ein begnadeter Musiker. Noch vor etlichen Jahren hatte er Reichtum und Ruhm sein Eigen genannt, in riesigen Gemächern gelebt, umgeben von einem schattigen Garten, und Tag für Tag seine Zuhörer verzaubert. Er wusste mit einigen wenigen Tönen ganz nach Belieben Trauer oder Freude zu verbreiten. Oftmals erstrahlten um ihn herum die Gesichter, huschten Schatten und Lichter der Sammlung oder der Ekstase über sie dahin. Die einfachen Menschen lobpriesen ihn, die Mächtigen hofierten ihn, seine Freunde belagerten ihn und nichts schien ihm zu seinem Glück zu fehlen. Doch Euphonos war stumm.
Er träumte von nichts so sehnlich als davon, singen zu können. Eines Morgens nahm er einen Sack Goldtaler sowie einen Sack Silbertaler und verließ Haus und Jugend in der Hoffnung, andernorts Ruhe und vielleicht Frieden zu finden. Doch der Lärm der Welt hielt vor seinen Ohren nicht inne. Das Raunen des Win-des in den Blättern, das fröhliche Plätschern der Bäche, das Zirpen der Grillen und das Zwitschern der Vögel erinnerten ihn Tag für Tag daran, dass er keine Stimme besaß.
Es ging so weit, dass er sich schlieiJlich wünschte zu ertauben. Er fürchtete den Dompfaff, verübelte der Lerche ihr Lied und hasste das Rotkehlchen.
Wie es das Gesetz der Reise will, schmolzen seine Rücklagen schnell dahin. Und so musste er bald wieder zur Laute greifen, um hier ein Dach über dem Kopfe und dort eine Herberge zu finden. Er hatte sein Talent nicht eingebüßt, und so versuchte immer wie-der ein Prinz ihn an seinem Hofe zu engagieren, flehte eine Witwe ihn an, er möge sie erhören, und verlor ein junges Mädchen ihr Herz an ihn. Doch sein alter Mantel verlangte nach seinen hage-ren Schultern und so zog er jedes Mal wieder fort im gemächlichen Schritt seines Reittiers.
Manchmal verspürte er tief in seiner Brust einen Schluchzer und er wünschte nichts so sehnlich, als dass er diesen in einen hörbaren Seufzer zu verwandeln vermöge. Es drückte ihm schier das Herz ab, dass ihm dies nicht gelang. In die-ser Lage überquerte er eines Tages die Brücke am Fuile der hohen Pappeln.
Er gelangte in die Stadt und überließ es seinem Pferd, sich einen Weg durch die engen Gassen zu suchen, die auf kleine, vom Winde leer gefegte Plätze mündeten. Durch die fensterlosen Mauern, in denen sich nur einige winzige Öffnungen befanden, drang der Ge-ruch nach Jasmin und Geifiblatt. Aprikosen, Datteln und Rosinen trockneten allenthalben auf den Terrassen. Die ganze Stadt schlief in der Hitze des Nachmittags, die Lehmmauern schützten sie vor dem Wind der Steppe. Der Musikant ritt an riesigen verlassenen Karawansereien vorüber und an großen Läden, deren Schutz-dächer aus blätterndem Himmelblau unter einer ockerfarbenen Staubschicht knirschten. Er steuerte auf eine Herberge zu, in der ihm, sagte er sich, zu-mindest die Gesellschaft der Flöhe gewiss wäre, warf einem reglos vor der Tür stehenden Eselchen einen freundlichen Blick zu und trat ein.