betrachtungen
Betrachtungen des Betrachters der Betrachter
hinterFragen
Vom Welt verstehen, erkennen, einordnen, interpretieren und bewerten handelt dieser Text. Wie umgehen mit Veränderung und dem Anderen, dem, was ich (noch) nicht kenne und verstehe?
Dass ich eben aus Marokko zurückgekehrt bin in eine andere Welt, in meine bekannte Welt, hat vielleicht auch etwas damit zu tun. Hier in Europa kenne und verstehe ich die Codes definitiv besser. Nun, ich bin über diesen KI-Clip gestolpert. Gestolpert, weil sofort widersprüchliche Gefühle und Gedanken auftauchen. Spontan spricht mich die Bildsprache, die Farben und Formen, die Schönheit, sprich Perfekheit und Makellosigkeit unmittelbar an. Gleichzeitig bin ich nicht bereit, der KI das Feld der Kunst einfach zu überlassen. Dass KI einen Platz einnimmt und je länger desto mehr Platz einnehmen wird, ist unabänderlich. Nun, wie schaffe ich’s, KI-Kreationen, menschliches Kunstschaffen und meine Art, mich künstlerisch mit der Welt auseinander setzen zu wollen, nebeneinander anzunehmen? Ohne Abwehr. Ohne Verdammung. Ohne Resignation. Ohne Frustration.
Ich weiss schon gar nicht mehr, was ich kürzlich eigentlich suchen wollte, jedenfalls bin ich zuerst auf den Clip von Mariusz Kulak gestossen. Und war fasziniert. Wow. Geil. Schön.
Shit, soweas kriege ich weder musikalisch noch sonstwie hin. Schon rein zeitlich nicht. Keine Chance. Und trotzdem, es gefällt mir. Ich springe weiter. Einige Klicks weiter stosse ich auf SIT. Trograditas von Electricle. Genial. Mit wenigen Gesten, mit minimalsten Mitteln erschaffen sie ganze Welten. Menschliches, allzu Menschliches mit wenigen Gesten, Lauten und Körpersprache. Die Codes scheinen bekannt. Ein Holzklotz genügt. Alle verstehen. Neues und Unbekanntes bringt viele Fragen mit sich. Wie funktioniert es, wem gehört’s, welche Vorteile bringt’s, profitiere ich davon, bedroht es mich?, um nur einige zu nennen. Von «Nutzen und Gefahren» spricht der Banker, wenn du den Hypothekarvertrag unterschreibst. Eine Möglichkeit wie man die Welt einteilen kann, ist sicher nach «Nutzen und Gefahren». Auf jeden Fall ist Neues, Anderes und Unbekanntes eine sehr emotionale Angelegenheit. Sei es KI oder eine Welt mit verschleierten Frauen. Es geht vielleicht und manchmal ums Überleben und ob ich eine Steinaxt habe oder eben nicht. Aber sicher geht es immer um die Frage, wie ich meine Welt verstehe, begreife, interpretiere und wie ich darin leben möchte.
Sinn erschaffen
Und dann stosse ich auf den Text von Thorwald Dethlefsen. Am Beginn meiner persönlichen Lebensgeschichte war er mir mit seinen Büchern eine wichtige Orientierungshilfe allgemeiner Art und im Speziellen im Bezug auf alternative Medizin und Weltanschauung. Nun lese ich «Krankheit als Weg» nochmals. Ich bin beeindruckt über die Schärfe seiner Analyse. Teilweise kommt es aber allzu sehr wie eine Religion daher. Hier, glaub das! Das widerspricht meiner Einschätzung nach gerade diesem Weg, die Welt zu betrachten und sich ihr zu nähern. Ist das Vorgehen nicht: mach deine Erfahrung, glaube nichts einfach blind?!
Nun, auf jeden Fall gibt er viele Anregungen, die sicherlich überlegenswert sind.
Funktionale Abläufe besitzen in sich selbst niemals Sinnhaftigkeit. Der Sinn eines Ereignisses ergibt sich erst aus der Deutung, die uns die Bedeutung erfahrbar werden lässt. So ist z. B. das Steigen einer Quecksilbersäule in einem Glasrohr, isoliert betrachtet, absolut sinnlos; erst wenn wir dieses Geschehen als Ausdruck einer Temperaturveränderung deuten, wird der Vorgang bedeutungsvoll. Wenn Menschen aufhören, die Ereignisse in dieser Welt und ihren eigenen Schicksalslauf zu deuten, sinkt ihr Dasein in die Bedeutungslosigkeit und Sinnlosigkeit. Um etwas deuten zu können, braucht man einen Bezugsrahmen, der ausserhalb jener Ebene ist, innerhalb der das zu Deutende sich manifestiert. So werden die Abläufe dieser materiellen und formalen Welt erst deutbar, wenn man ein metaphysisches Bezugssystem heranzieht. Erst wenn die sichtbare Welt der Formen »zum Gleichnis wird« (Goethe), wird sie für den Menschen bedeutungsvoll und sinnvoll.
So wie Buchstabe und Zahl formale Träger einer dahinterliegenden Idee sind, so ist alles Sichtbare, alles Konkrete und Funktionale lediglich Ausdruck einer Idee und somit Mittler zum Unsichtbaren. Verkürzt können wir diese beiden Bereiche auch Form und Inhalt nennen. In der Form drückt sich der Inhalt aus, und dadurch werden die Formen bedeutungsvoll. Schriftzeichen, die keine Ideen und keine Bedeutung vermitteln, bleiben für uns sinnlos und leer. Daran könnte auch die exakteste Analyse der Zeichen nichts ändern.
Deutlich und jedem verständlich ist dieser Zusammenhang auch in der Kunst. Der Wert eines Gemäldes gründet nicht in der Qualität der Leinwand und der Farben, sondern die materiellen Bestandteile des Bildes sind lediglich Träger und Vermittler einer Idee eines inneren Bildes des Künstlers. Leinwand und Farbe ermöglichen dabei die Sichtbarwerdung des sonst Unsichtbaren und sind so physischer Ausdruck eines metaphysischen Inhaltes.
Dem möchte ich unbedingt anfügen: Der Betrachter oder die Betrachterin muss berücksichtigt werden. Ich als betrachtende Person einer Situation analysiere und bewerte ständig, was von aussen an Informationen und Reize auf mich zukommt. Wir können gar nicht anders, als Ordnung, Struktur und – nach Möglichkeit – Sinnhaftigkeit in das hineinzuinterpretieren, was wir erleben. Dazu habe ich Folgendes erlebt:
Meerhaus Bern, vielleicht 1986, eine Aufführung von und mit Norbert Klaasen.
Eine Bühne, ein beliebiges Zimmer. Eine ältere Frau öffnet eine Tür. Mit gemessenen Schritten, leicht schlurfend und leicht gebeugt durchquert sie den Raum von links nach rechts und spricht zu einer imaginären Person. Sie scheint eine Antwort zu erhalten, ist offenbar am Überlegen. Abrupt dreht sich die Frau um, zeternd und mit den Händen fuchtelnd, eilt sie zum zweiten Eingang, wo zugleich eine zweite Person, ein Herr in Anzug und Regenmantel, hereinkommt. Die beiden gehen aneinander vorbei, nehmen aber offenbar keine Notiz voneinander.
Der Herr – er lese ihn als Büromenschen – legt seine Mappe sorgfältig aufs Sofa, das in der Raummitte steht. Er überlegt, wirkt besorgt, dreht sich der Wand zu, als ob dort ein Spiegel wäre und er sich darin betrachten könnte. Aus dem, was er nun sagt, entnehme ich, dass er wohl ein finanzielles Problem hat; was der Kontext ist, kann ich nicht erkennen.
Während er noch am Erklären seiner Situation ist, öffnet sich die rechte Tür, und eine jüngere Frau – vom Aussehen her vielleicht eine Studentin – tritt zögernd ein. Es scheint, als wolle sie sich vergewissern, ob jemand da ist. Den Herrn, der noch immer seinem Spiegelbild seine schwierige Lage zu erklären scheint, erkennt die junge Frau nicht. Keine Reaktion, nichts. Mit vorsichtigen Schritten, sich immer wieder nach der Tür umdrehend, setzt sie Fuss vor Fuss. Sie schaut sich interessiert und vielleicht auch etwas ängstlich um. Betritt sie den Raum zum ersten Mal? Unerlaubterweise? Aber irgendwie gespannt und neugierig, was sich darin befindet. Ist da etwas links hinten im Raum – eine Bücherwand? Ihre Hand, der Zeigefinger, fährt tastend von einem Buch zum anderen, verweilt kurz. Liest sie die Titel der Bücher?
Schwungvoll öffnet sich die linke Tür, die ältere Frau erscheint erneut. Die leicht schlurfenden Schritte sind nicht mehr erkennbar – im Gegenteil: Sehr graziös und gemessen schreitet sie in den Raum. Ihr Weg führt hinter der jungen Frau vorbei, durch das vermeintliche Büchergestell hindurch. Ist es dieselbe Person wie zuvor? Sie hat jedenfalls eine ganz andere Körpersprache: nun aufrecht, ja, fast etwas herrisch. Ihre kurzen Sätze scheinen Anweisungen zu sein, die sie über die Schulter hinweg jemandem erteilt. Was sie genau sagt, kann ich nicht verstehen, denn die Anweisungen der Alten, das Gemurmel der Jungen und die Erklärungen des Mannes verschmelzen zu einem Wortbrei.
So geht es weiter, eine Stunde lang. Die drei Personen erscheinen ohne erkennbaren Zusammenhang auf der Bühne, bewegen sich, sprechen, verharren und gehen wieder hinaus. Nie nehmen sie Kontakt miteinander auf.
Und ich? Ich habe wohl selten ein Theater mit solcher Hingabe – aber, bleiben wir ehrlich – und mit solcher Frustration mitverfolgt. Ich erkenne den Sinn, den Zusammenhang nicht. Gleichzeitig laufen meine Sinne und mein Verstand auf Hochtouren: So entdecke ich hier einen Sinn und eine Brücke, da eine Verbindung, dort eine Idee.
Im Anschluss an die Performance sitzen Zuschauer und Schauspieler zusammen. Norbert Klaasen erklärt: Er und seine beiden Kolleginnen hätten aus ihren langen Theaterkarrieren irgendwelche Rollen aus irgendwelchen Stücken genommen. In all diesen Stücken seien sie als ganz unterschiedliche Theaterfigur aufgetreten, hätten irgendetwas gesagt und sich irgendwie im Raum bewegt. Im gerade erlebten Stück haben sind sie nun bei jedem Eintreten in den Raum in eine dieser Rolle geschlüpft. Das Ganze hat keinen Sinn, ist völlig zufällig. *
Sinnlos? Geblieben ist mir das Ganze bis heute. Ich habe dieses Sinnlose schlicht nicht ausgehalten und permanent versucht, einen Sinn hineinzuinterpretieren. Das war die prägende Erfahrung: Wir Menschen sind ständig damit beschäftigt, Eindrücke zu interpretieren und zu deuten. Wir kreieren unsere eigene Geschichte. Wir sind laufend dabei, Erlebnis-Puzzleteilchen zu deuten und unserem Bild hinzuzufügen. Je mehr Puzzleteilchen herumliegen, weil sie nicht unterzubringen sind, desto ungemütlicher die kreierte Welt. Je mehr Codes geknackt scheinen, desto entspannter das Leben. Ungereimtheiten sind unangenehm. Darüber, was die Welt ist, was gut, böse, schön oder hässlich ist, sagt das wenig aus. Den Bezugsrahmen, das Werten und Einordnen, mache ich – weil ich gar nicht anders kann.
Das sind die Erkenntnisse, die ich aus diesem Erlebnis gewonnen habe.
* Leila Slimani würde wohl sagen, ein Ausdruck der Absurdität unseres Daseins:




