Gezappt
Pensioniert, fit und gesund zu sein, empfinde ich als wahnsinniges Privileg – zumindest so wie ich’s erlebe und Ende Monat ist immer noch was auf dem Konto. Wow, wie bin ich dankbar und staune immer noch und immer wieder, das erleben zu dürfen. Die Musse und vor allem Zeit für Sinnvolles und Sinnloses zu haben, ist einfach geil. Dazu gehört auch zappen. Hier ein paar Highlights meiner Internet-Recherchen.
Darf man das noch sagen?
Ausgangslage dieser Recherche war der Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt. Warum wählen um die 44 % der WählerInnen die AfD? Gibt es so viele Nazis und Rechtsextreme in diesem Bundesland? Kann das sein?
Ich sag’s gleich vorneweg, ich kann mir das eigentlich nicht vorstellen. Ich vermute, dass da ganz Verschiedenes zusammenkommt. Wer könnte mir allenfalls eine Antwort auf diese Frage geben? Da kommt mir Sarah Wagenknecht in den Sinn. Warum? Naja, sie ist eine intelligente Frau mit pointierter Meinung und liegt ziemlich quer zum Mainstream. Zudem soll sie allenfalls bereit zur Zusammenarbeit mit der AfD sein. So lande ich also dann bei diesem Video.
Nun, ich geb’s zu. Ich hab mir das nicht alles angehört. Immerhin gibt es mir eine vorläufige Ahnung von Antwort auf meine Ausgangsfrage. Die Deutschen sind ja nicht besonders bekannt, feinfühlig mit ihren Mitmenschen umzugehen. Eine bestimmte Arroganz eines grossen und mächtigen Volkes mit beachtlichen Leistungen wirkt da irgendwie in der DNA der Deutschen mit. Präziser: der Westdeutschen – so jedenfalls mein Vorurteil passend zu meiner These. Zumindest für uns Schweizer ist die ziemlich direkte Art manchmal verletzend, auch weil wir nicht damit umzugehen wissen. Warum sage ich das?
Aus den Redebeiträgen im Clip höre ich raus, dass die Ostdeutschen sich wohl allzuoft ebenfalls überfahren vorgekommen sind. Dass da während der DDR-Zeit eine eigenständige Kultur entstanden ist, die durchaus Werte entwickelt hatte, die den Westen hätten bereichern können, wurde wohl von den Westdeutschen schlicht nicht wahrgenommen. Ich denke, die Ostdeutschen haben wie wir eher eine ländlich geprägte Kultur, wertkonservativ, was durchaus nicht immer nur schlecht sein muss.
Jedenfalls haben die Ostdeutschen mit der AfD endlich einen Hebel zur Hand bekommen, mit dem sie dem ungeliebten Westen eins auswischen können.
Es wird sicher auch andere Gründe geben, aber im Clip kommt mir viel emotionale Verletzung entgegen. Jedenfalls gibt es neben zu vielen grauenerregenden Figuren in der AfD-Szene sicher auch viele, die da einen Platz gefunden haben, um ihrem Frust Ausdruck zu verleihen.
Dann erwähnt Sarah Wagenknecht einen Namen, an dem sie sich argumentativ bezüglich der Kriege dieser Welt orientiert: Harald Kukat.
Also geht’s da weiter.
Die Wahrheit über den Russland-Ukraine-Konflikt
Ich bin mir seit langem bewusst, in einer Meinungs-Bubble zu leben. Die Medien, mit denen ich mich informiere, erzählen in etwa alle das Gleiche. Das ist schon mal suspekt – wer von «die Wahrheit» spricht auch.
Die Welt, meine Welt, meine Menschenwelt ist vielfältig, höchst widersprüchlich, voller Faszetten, Grautöne und Farben.
Also OK, mal schauen, ob ich von diesem General a.D. Kujat was Neues erfahre? Zuhören ist auf jeden Fall gut und schliesslich will ich ja wissen, wie man zu anderen Einschätzungen als die Mainstream-Medien kommt.
Unter mehreren Malen höre ich mir Videoclips von diesem Herrn Kujat an und grundsätzlich gefällt mir seine ruhige und sachliche Art. Seine Erzählung ermöglicht mir auf jeden Fall einen Einblick in die Seele der Russen zu bekommen und zu erfahren, wie sie ihre Version der Wahrheit erzählen. Was mir sehr gefällt, ist sein Einstehen für den Frieden – was mich anfänglich etwas erstaunt, weil ich was anderes erwarte von einem Militär. Das sind offenbar meine Vorurteile. Seine Version der Ereignisse 2014 im Osten der Ukraine und dass da 12 000 Menschen getötet worden sein sollen, höre ich so zum ersten Mal. Die Mainstream-Medien, aber auch die vielen Jugendlichen aus der Ukraine, mit denen ich seit 2022 zu tun hatte, erzählen das natürlich anders. Dabei bin ich mir sicher, dass unter den Ukrainern mit all der Korruption und dem faschistischem Gedankengut auch dort, ganz hässliche und rücksichtslose Typen zu finden sind und waren. Aber bei den Russen eben auch… wenn ich mich umschaue, eigentlich überall. Zum Kotzen! Dass die Russen und die Ukrainer bereits einmal eine Lösung gefunden haben sollen und die Engländer und Amis dann dazwischen gegrätscht sind, habe ich vorher auch noch nie gehört oder bewusst wahrgenommen. Da geht mir durch den Kopf, dass gerade die Amis, genauer gesagt die reichen, nein, superreichen Amis in den letzten Jahren ideal Waffen verkaufen konnten und dick verdient haben. Tja!
Trotzdem, was mich zunehmend stört beim Zuschauen und gar nicht gefällt, ist der Rahmen, in dem diese Videos eingebettet sind. Für die Erläuterungen von diesem Herr Kujat bin ich sehr dankbar, vor allem weil mir sein Appell zum Frieden sehr gefällt und mich daran erinnert, dass man auch weiterhin Pazifist sein kann – aus meiner persönlichen Optik: sein muss! Was ja nicht heisst, naiv zu sein!
Leider verlieren die Aussagen von Herrn Kujat in diesem BENU-Kontext gleich an Seriosität. Vor allem dieser Unternehmer Klaus Keller erweckt in mir das Bild des unsympatischen Deutschen. Seine Aussagen scheinen zwar vernünftig und sachlich zu sein, aber ich kann mir den Eindruck nicht erwehren, letztlich will er mir einfach eine Versicherung oder sowas in der Art verkaufen.
Das Ganze ist so in der Art «good cop, bad cop» inszeniert. Dieser Keller wirft dem Staat und den «Staatsmedien» immer wieder vor, Angst zu schüren, um die Leute willfährig zu machen, zugleich sagt die ganze Dramaturgie des Clips: Habt Angst, wenn’s Krieg gibt, und es gibt Krieg, verliert ihr alles! ABER, wir haben eine Lösung! So wie kürzlich der Vertreter, der mir im Verkaufsgespräch Statistiken von gehäuften Einbrüchen vorgelegt hat, um mir dann für teueres Geld sein Sicherheitssystem verkaufen zu wollen. Sorry, da fühle ich mich verarscht – auch wenn ich weiss, dass seine Statistiken korrekt sind.
Da schliesst sich mir der Bogen zur Neutralitätsinitiative in der Schweiz. Dass wohl kein Schweizer Krieg will und befürwortet, ist wohl klar. Je länger ich die Diskussion aber verfolge, bekomme ich den Eindruck, da will mich jemand für dumm verkaufen. Blocher, der grösste Sponsor der Initiative spricht von Neutralität, wogegen ich grundsätzlich nichts einzuwenden habe – im Gegenteil, ich erachte die Neutralität als grosses Gut unserer Kultur. Zurück zu Herrn Blocher, gleichzeitig scheint er aber durchaus gerne Geschäfte mit Kriegsparteien machen zu wollen, so wie etliche Exponenten seiner Partei auch. Natürlich bin ich für Neutralität, für den Frieden und dass wir als Schweiz versuchen sollen, vermittelnd zu wirken. Aber sowohl bei der SVP als auch bei der AfD hat es mir deutlich zu viele unheimliche und grauenerregende Patrioten, die alles andere als «neutral» rüberkommen. Daneben hat es sicher viele gut meinende und durchaus sympathische Mensch darunter, die sich einfach einen Wechsel in eine heilere Welt erhoffen.
Wenn ich alle diese Puzzle-Teilchen vor mir auslege, dann sind zwar neue dazugekommen, aber wirklich klarer zeigt sich mir das Bild letztlich trotzdem nicht. Ich kann mir zwar die Sichtweise der russischen Seite nun besser vorstellen und die Darstellung von diesem Herrn Kujat hat einige überlegenswerte Punkte. Dazu gehört, der Diplomatie Raum zu geben und zu verhandeln. Aber warum welche Akteure wie spielen und was die tatsächlichen Fakten sind, ich kann weiterhin nur vermuten.
Zur Neutralitätsinitiative. Sowenig wie im ersten, zweiten Weltkrieg oder sonst irgendwann ist die Schweiz völlig neutral gewesen. Trotzdem, wir versuchen diese Postition, diese Haltung einzunehmen, ob mit oder ohne Annahme der Initiative. Dass ein Herr Blocher zu den Hauptinitianten gehört, entzieht allerdings für mich der Sache ihre Glaubwürdigkeit. Ich bleibe lieber weiterhin bei der bisherigen Art von Neutralität, wo wir je nach Situation das Verständnis, was das sein soll, immer wieder neu aushandeln müssen. Leider wird die Schweiz und ihre Wirtschaft ob mit oder ohne Annahme weiterhin Geschäfte machen wollen, mehr oder weniger saubere.
Was mir sehr eingefahren ist: Im ersten Moment, bevor die Abers aufgetaucht sind, hat mich Herr Kujat mit seinen Argumenten echt überzeugt. Dann der Gedanke, was ist, wenn ich plötzlich zu einer neuen Überzeugung gelangen würde, wenn ich die Argumente der russischen Seite teile, wenn ich plötzlich nicht mehr einfach das westliche Narrativ blind nachbete… Dann müsse ich mich gegen die Meinungen der meisten Leute meiner Bubble stellen. Das macht Angst! So müssen viele Menschen auf der Welt Angst haben, ihre Meinung öffentlich zu sagen.
Dann sind wir wieder bei: Darf man das noch sagen?
UND, gleichzeitig haben mir die Aussagen von Herrn Kujat Mut gemacht, für den Frieden einzustehen und für meine pazifistische Grundhaltung einzustehen! Zuletzt hatte ich den Eindruck, nicht mehr Pazifist sein zu können, wenn sich die Welt rund herum wie irr gebärdet. Nun, ich kann!
Propaganda oder einfach eine andere Wahrheit? Link
Hazel Brugger & Gregor Gysi – oder – ziemlich viel Kacke
Nachdem ich Hazel Brugger länger Zeit, wohl Jahre, aus dem Blick verloren hatte, bin ich in den letzten Tagen zu einem regelrechten Stalker geworden. War sie für mich früher eine witzige Klamauknudel mit träfen Sprüchen und süssem Lachen, entdecke ich nun eine erwachsene Frau mit Sprachgewalt und Tiefgang.
Zunächst bin ich zwar auf das Interview von Gregor Gysi mit Hazel gestossen, wo sie das befreiende alte Lachen drauf hat. Der Gysi gefällt mir sowieso. Als pointierter Linker erlebt man ihn in diesem Format von einer Umgänglichkeit, die ihn sehr nahbar macht.
Verschiedene Äusserungen von Hazel haben mich neugierig werden lassen. Offenbar muss einiges in ihrem Leben abgegangen sein. Die Erfahrung Mutter und Familienfrau zu werden, hat sie wohl breitseitig erwischt. Es ist ja nicht schwierig, mehr von ihr zu erfahren. Das tue ich dann auch.
Sie erzählt schnörkel- und hemmungslos, mit einer beeindruckenden sprachlichen Dichte und mit runtergelassener Hose von ihren Erlebnissen, Freuden und Traumata in ihrer Familiensituation. Ziemlich schonungslos.
Warum berührt mich das so direkt? Na, auch wenn es lange her ist, habe ich das ja alles auch erlebt und beschäftigt mich immer noch und immer wieder.
Das Einzige was Hand und Füsse hat und ich mit in die Welt gesetzt habe, sind meine Kinder. Das ist mein Standardspruch. Meine ich so. Und weiss auch, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Ich bin meiner Rolle als Vater längst nicht immer gerecht geworden und war meinen Kindern oft ein unaufmerksamer Vater und meiner Ex-Frau ein unachtsamer Partner – auch wenn ich schon mein Bestes gegeben habe und vieles auch gut war. Auf jeden Fall waren’s Begegnungen der anderen Art, sehr erlebnisreich und teilweise echt existenziell, wohl für alle Beteiligten.
Darum betrifft es mich so, wenn ich Hazel so ungefiltert darüber spechen höre. Zumindest hört es sich so an und zum Glück kommt das Ganze mit einer grossen Portion Ironie, Selbstironie und Humor rüber – so weiss man gar nicht recht, warum die Augen feucht werden.
Im Zusammenhang mit den Wahlen interessiert es mich natürlich auch, was sie und ihr Mann dazu sagen. Mit Freude stelle ich fest, dass sie klar linke, demokratische Postitionen vertreten und die AfD als das darstellen, was sie ist, eine Gefahr. Je länger ich mich nun mit diesem Thema beschäftige, lässt es sich kaum noch schönreden.
Spannend sind auch die Podcasts von Thomas Spitzer und Hazel Brugger. Zu finden ist der in den Apple-Podcasts. Der mit Robert Pauschen ist aus aktellem Anlass besonders interessant.